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Impulse für den Obstbau


In Erfurt diskutierten Fachleute aus Mitteldeutschland Ertragsentwicklung, Sortenwahl, Pflanzenschutz und Zukunftstechnologien für einen widerstandsfähigen Obstbau.

Am 22. Januar 2026 kam die mitteldeutsche Obstbaubranche in Erfurt zum 34. Thüringer Obstbautag zusammen. Die ganztägige Veranstaltung am Lehr- und Versuchszentrum für Gartenbau des Thüringer Landesamtes für Landwirtschaft und Ländlichen Raum vereinte 120 Fachleute aus Thüringen und den umliegenden Bundesländern. Im Fokus standen aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen im Kern- und Steinobstbau – von Sortenfragen und Kulturführung über Pflanzenschutz bis hin zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Region.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch den Präsidenten des TLLLR, Peter Ritschel, mit einem Überblick über das vergangene Obstjahr. Das Jahr 2025 stellte ein deutliches Gegenstück zum schwierigen Jahr 2024 dar und war geprägt von guten Preisen und hohen Erträgen bei Süß- und Sauerkirschen. Auch der Apfelertrag lag mit durchschnittlich rund 34 Tonnen pro Hektar über dem langjährigen Mittel. Positiv hervorgehoben wurden zudem die richtigen Entscheidungen vieler Betriebe: Die Rodung alter, unproduktiver Anlagen und die kontinuierliche Neupflanzung führten vielerorts zu einer Verjüngung und Leistungssteigerung der Bestände. Ritschel würdigte in diesem Zusammenhang den Mut zur Investition, die Sorgfalt in der Kulturführung und die große fachliche Erfahrung der Thüringer Obstbaubetriebe. Zugleich machte er deutlich, dass der Obstbau künftig vor wachsenden Herausforderungen steht. Spätfröste, Trockenheit, Hitze, Starkniederschläge und neue Schaderreger erfordern verstärkt Forschung, Innovation und Kooperation.

Wilhelm Schäfer (Kindelbrücker Obstbau e. G.) berichtete anschließend über die Arbeit der Bundesfachgruppe Obst. Schwerpunktthemen sind die abnehmende Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln, der steigende Mindestlohn, die Gewinnung von Fachkräften sowie die ideologische Berichterstattung in den Medien. Die Fachgruppe setzt sich für Lösungsansätze wie die Förderung der Umstellung auf widerstandsfähige Obstsorten, die Einführung einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage sowie die Antragstellung für Notfallzulassungen im Pflanzenschutz ein.

Alexander Wilke stellte den geschützten Tunnelanbau von Süßkirschen vor und gab Einblicke in Kulturführung, Schnitt und Erziehung in seinem Betrieb im Markgräflerland. Er zeigte, dass der geschützte Anbau die Fruchtqualität steigern, die Ernte verfrühen und besser planbar machen sowie Ertragsausfälle durch Frost verhindern kann. Nachteile liegen in der fehlenden natürlichen Bewässerung, der Sicherstellung der Bestäubung, der Temperaturkontrolle und den höheren Anfangsinvestitionen. Eine Standardlösung für alle Betriebe gibt es nicht, doch der geschützte Anbau kann effektiv zur Risikominimierung beitragen.

Dr. Mirko Schuster vom JKI Dresden-Pillnitz beendet nach 25 Jahren seine Tätigkeit in der Kirschzüchtung. Am Obstbautag gab er dem Publikum eine Woche vor seinem Ruhestand einen Einblick in seine Arbeit an Süß- und Sauerkirschen, die künftig von seiner Nachfolgerin Dr. Susann Schröpfer fortgeführt wird. Für seine Züchtung nutzte Schuster Süß- und Sauerkirschen sowie weitere Prunus-Arten aus Südosteuropa und Westasien, um gezielt Vielfalt an Farben, Formen, Größen und Toleranzen in seine Sorten einzukreuzen. Ziel war die Entwicklung neuer Sorten mit hoher Fruchtqualität, stabilem Ertrag und verbesserter Toleranz gegenüber Krankheiten wie Monilia-Spitzendürre und Sprühfleckenkrankheit, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren.

Dr. Andreas Peil, Leiter der Apfelzüchtung am JKI, berichtete nach 23 Berufsjahren ebenfalls über seine Resistenzzüchtung beim Apfel. Neben Frucht- und Ertragsmerkmalen lag sein Schwerpunkt auf der Widerstandsfähigkeit gegen Schorf, Mehltau und Feuerbrand. Für dauerhafte Resistenzen müssen mehrere Gene gezielt kombiniert und „pyramidisiert“ werden, wobei resistente Wildarten bei der Züchtung ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Entscheidend ist zudem die Wahl geeigneter Eltern und das konsequente Aussortieren schwächerer Sämlinge. Seine Nachfolgerin Dr. Janne Lempe ist bereits seit vielen Jahren am JKI tätig.

Steinobstberater Martin Kockerols vom ESTEBURG Obstbauzentrum Jork sprach über den Umgang mit dem Little-Cherry-Virus im Alten Land. Die Bedeutung des Virus nimmt auch in Mitteldeutschland zu und ist ein wichtiges Thema für die Thüringer Betriebe. Eine Infektion kann über infizierte Mutterreiser, die Ahornschildlaus oder durch Wurzelverwachsungen erfolgen. Er betonte die Bedeutung der Vorsorge: Anlagen sollten regelmäßig kontrolliert und auf typische Symptome geprüft werden. Befallene Bäume müssen konsequent gerodet werden – idealerweise auch angrenzende Nachbarbäume. Alte, stark durchseuchte Anlagen sollten vollständig entfernt und das Pflückpersonal geschult werden, um Symptome frühzeitig zu erkennen und die Ausbreitung zu begrenzen.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen berichtete Martin Penzel vom TLLLR über seine Exkursion zum Cherry Symposium in Washington State (USA). Washington ist der wichtigste Bundesstaat für Süßkirschen in den USA; rund 60 Prozent der Ernte stammen von dort. Der Obstbau konzentriert sich auf das trockene Becken rund um den Columbia River. Bei 200 mm Jahresniederschlag sind alle Kulturen auf Bewässerung angewiesen. Dafür gibt es kaum Probleme mit Fruchtfäulen, weshalb bei Süßkirschen, Äpfeln und Birnen 90 Prozent der Bioanbauflächen der USA in Washington State liegen. Die Betriebe sind deutlich größer als in Deutschland – Penzel berichtete von Betrieben mit bis zu 1.200 ha Süßkirschen. Die Herausforderungen sind jedoch ähnlich: Sortenwahl, Bewässerungsstrategie, Bekämpfung der Kirschessigfliege und Wahl des besten Anbausystems. Penzel wies zudem auf weitere Herausforderungen wie Überproduktion und hohe Lohnkosten durch den Mindestlohn hin. Das Cherry Symposium dauerte fünf Tage und brachte 211 Teilnehmer aus 21 Ländern zusammen, darunter viele aus den USA, Chile, Kanada und Italien. Im Rahmen von Exkursionen wurden vier Betriebe besucht. Die Vorträge konzentrierten sich auf den Anbau in wärmeren Klimazonen, den Umgang mit unzureichendem Kältebedarf im Winter, die Züchtung neuer Sorten mit geringem Kältebedarf sowie Maßnahmen wie dormanzbrechende Mittel oder schwarze Netze zur nächtlichen Kältespeicherung. Weitere Themen waren die Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten wie der Cherry X Disease und dem Little-Cherry-Virus sowie Verbraucherpräferenzen, Biostimulanzien und Wachstumsregulatoren.

Carolin Altmann vom TLLLR zog Bilanz über ihr erstes Jahr in der Pflanzenschutzberatung. Sie berichtete, dass vorgezogene Entwicklungsstadien infolge der wärmeren Witterung ein früheres Auftreten von Schaderregern begünstigen. Regionale Starkregen- und Hagelereignisse wie im vergangenen Mai erhöhen zusätzlich das Schorfrisiko. Gleichzeitig wurden die verfügbaren Pflanzenschutzmittel zur Schorfbekämpfung weiter eingeschränkt – etwa durch reduzierte Anwendungshäufigkeiten, geringeren Wasseraufwand sowie die Einstufung in die Bienengefährdungsstufe B1. Das Monitoring 2025 von Apfel- und Pflaumenwicklern zeigte insgesamt nur geringe Fangzahlen. Auch die Flugüberwachung der Kirschfruchtfliege ergab niedrige Werte, was auf Frostschäden im Vorjahr zurückzuführen ist. Versuche mit Verwirrungsdispensern gegen Fruchtschalen- und Apfelwickler bestätigten die Wirksamkeit der Maßnahmen. Insgesamt war der Befallsdruck jedoch sehr gering. Für die Saison 2026 sind erneut Prüfungen mit Verwirrungsprodukten gegen verschiedene Schaderreger geplant.

Anna-Sophia Kluger präsentierte Neuigkeiten aus dem obstbaulichen Versuchswesen am LfULG in Dresden-Pillnitz. In der Mitteldeutschen Kooperation ist am Standort vor allem die Testung neuer Apfelsorten und deren Lagerfähigkeit ein wichtiges Thema. In Kooperation mit dem Deutschen Wetterdienst läuft ein Bewässerungsversuch, der die Bedeutung ausreichender Wasserversorgung insbesondere von Juni bis zur Ernte hervorhebt. Ebenfalls stellte Frau Kluger einen Unterlagenversuch bei Äpfeln vor, in dem die Geneva-Unterlagen bei der Sorte GS 66 getestet werden. Zudem sind im Versuchsfeld in Dresden Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung von Obstanlagen – etwa Heckenstrukturen, Ankerpflanzen und Nützlingshilfen – zur Förderung der Artenvielfalt etabliert.

Der wohl komplexeste Beitrag des Tages folgte nach der Kaffeepause. Prof. Dr. Aline Koch von der Universität Regensburg gab einen umfassenden Einblick in die Grundlagen und das Potenzial des RNA-basierten Pflanzenschutzes. Sie stellte praxisnah dar, wie der Schutz funktioniert: Die Wirkstoffe werden auf die Pflanzen aufgebracht und von Schaderregern aufgenommen. Die RNA hemmt lebenswichtige Proteine der Schaderreger und führt zu deren Absterben. So soll langfristig der Einsatz klassischer Pflanzenschutzmittel reduziert werden. Die Methode wirkt äußerst gezielt und trifft nur den jeweiligen Schaderreger, ohne andere Organismen zu beeinträchtigen. Erprobt wurde sie erstmals am Kartoffelkäfer. Noch stehen der Anwendung einige Hürden gegenüber, vor allem die geringe Stabilität der RNA gegenüber Umweltfaktoren sowie Enzyme im Speichel der Schaderreger, die den Wirkstoff abbauen. Die Nominierung für den Deutschen Zukunftspreis unterstreicht das Potenzial der Technologie, den Pflanzenschutz nachhaltig zu verändern.

Kristin Schüffler vom TLLLR erläuterte die Grundlagen und jüngste Neuerungen im Pflanzenschutzrecht. Ab dem 1. Januar 2026 müssen Anwender von Pflanzenschutzmitteln zusätzlich zu den bisherigen Angaben den EPPO-Code dokumentieren. Wenn ein Mittel nur in bestimmten Entwicklungsstadien der Kultur zulässig ist, ist das jeweilige BBCH-Stadium anzugeben. Bei zeitlich eingeschränkter Anwendung muss die Uhrzeit vermerkt werden. Weiterhin sind die Zulassungsnummer, die georeferenzierte Fläche und die Größe der behandelten Fläche zu erfassen. Alle Daten sind unmittelbar nach der Anwendung beziehungsweise spätestens 30 Tage danach zu dokumentieren. Ab dem 1. Januar 2027 sind die Aufzeichnungen elektronisch und maschinenlesbar zu führen – zum Beispiel über die Anwendung PS-Info „Mein Betrieb“. Diese Lösung kostet etwa 175 Euro pro Jahr und wird insbesondere für Gärtner und Nebenerwerbsbetriebe empfohlen.

Martin Penzel stellte Versuchsergebnisse zu Süßkirschsorten vor. Er verglich Blühzeitpunkte, Frosttoleranz, Reifeverhalten und Fruchtqualität für frühe, mittlere und späte Sorten. Im frühen Bereich um die Reife von Bellise steht die Fruchtfestigkeit im Vordergrund. Vielversprechend sind Prim 3.1 und Nimba, die allerdings etwa fünf Tage nach Bellise reifen. Im mittleren Bereich rund um Kordia wurden Areko, Felicita und SPC 342 hervorgehoben, im späten Sortiment folgten Kir Rosso und Kir Lamour. Neben dem schweren Spätfrostereignis 2024 traten auch in anderen Jahren leichte Fröste während der Blüte auf. Penzel zeigte, wie deutlich sich die Sorten in diesen Jahren in ihrer Frosttoleranz unterschieden. Für 2026 läuft zusätzlich ein Versuch, in dem 16 Sorten genauer geprüft werden. Seit Jahresbeginn werden nach jedem Frostereignis Blütenknospen entnommen und erfrorene Blüten gezählt. Erste Ergebnisse bei −14 °C zeigen sortenabhängige Schäden, die meist im einstelligen Prozentbereich liegen. Sorten ohne Befunde sind Kordia, Marisa, Paulus und Rocket.

Der Obstbautag bot neben den Fachvorträgen zahlreiche Möglichkeiten für Gespräche und persönlichen Austausch. So wurde der Dialog zwischen Anbauern, Forschung und Beratung weiter gefördert.

Gallerie

Die Referentinnen und Referenten des 34. Thüringer Obstbautags: von links Martin Kockerols (Esteburg), Alexander Wilke (Markgräflerland), Carolin Altmann (TLLLR), Dr. Mirko Schuster (JKI), Dr. Andreas Peil (JKI), Wilhelm Schäfer (Kindelbrücker Obstbau e. G.), Kristin Schüffler (TLLLR), Prof. Dr. Aline Koch (Universität Regensburg), Peter Ritschel (Präsident TLLLR), Dr. Martin Penzel (TLLLR) und Anna‑Sophia Kluger (LfULG).

Gruppe von elf Personen steht in einem Raum mit Holzvertäfelung und einer Uhr an der Wand

Reges Interesse und volle Aufmerksamkeit – der Thüringer Obstbautag überzeugt mit praxisnahen Themen

Publikum sitzt in einem dunklen Raum vor einer großen Leinwand mit einer Präsentation

Kurze Verschnaufpause, lange Gespräche – Obstbau verbindet Menschen und Wissen.

Mehrere Personen unterhalten sich in einem hellen Raum mit runden Deckenleuchten und halten Getränke in der Hand

Vom ersten bis zum letzten Platz besetzt – der Thüringer Obstbautag punktet mit praxisnahen Vorträgen.

Vortragender steht vor einer Leinwand mit Präsentation vor einem Publikum in einem Raum mit Holzvertäfelung und gestreiften Vorhängen

Konzentriert dabei – Teilnehmer verfolgen einen Vortrag beim Thüringer Obstbautag.

Mehrere Personen sitzen in einer Reihe an einem Tisch mit Laptops und Wasserflaschen und blicken nach vorne

Kontakt

Torsten Weidemann

Pressesprecher
Tel.: +49 361 574041-135
Fax: +49 361 572041-390 ed.negnireuht.rlllt[ta]elletsesserp

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